Infos aus erster Hand über einen Hund aus zweiter Hand
Sehr informativ und lesenswert ist dieser Beitrag von Marlies Schäfer-Gollnow. Seit Jahrzehnten Hovawart-geübt, vertraut mit allen Prüfungen und ehemalige Deckrüdenbesitzer wagte das Ehepaar Schäfer jetzt den Schritt zur Hündin aus zweiter Hand.
Kiras Geschichte oder Erfahrungen mit einem "second-hand-hound"
Eigentlich wollten wir nach dem überraschenden und dramatischen Tod
unseres letzten Hovawart-Rüden im Februar 2003 keinen weiteren Hund.
Der Alltag zeigte uns jedoch, dass es wohl ohne Hund nicht geht. Durch
einen Hinweis der Notvermittlung lernten wir am 17.07.2005 eine Familie
kennen, die ihre 2 3/4 Jahre alte Hündin "Kira", eine kleine
schwarzmarkene Hündin, abgeben musste.
Nach einer Stunde Informationen über Kira, luden wir sie in
unser Auto ein und traten den Heimweg an.
Wir hatten bis dahin während 32 Jahren insgesamt 4 Rüden-Welpen
aufgezogen und meinten genügend Hundeerfahrung zu besitzen, um der
erwachsenen Hündin gerecht zu werden. Auf welche Herausforderung wir
uns eingelassen hatten, war uns vor lauter Freude, wieder mit einem
eigenen Hund zu leben, wohl nicht ganz bewusst.
Welche Vorteile brachte Kira mit: sie war erwachsen, stubenrein und hatte die richtige Größe und Gewicht, um auch von einem älteren Menschen in Krisensituationen festgehalten werden zu können.
Die Informationen der Vorbesitzer waren ehrlich: Kira hatte eine
Grundausbildung erhalten, aber man hatte zu wenig Zeit für sie. So
entwickelte sie manchen Nachteil, der bei unseren früheren Welpen-
erziehungen erst gar nicht aufgetreten war.
Ihr übelster Nachteil war: ihre Vorliebe zum Jagen, plötzlich und
unerwartet, meistens auf dem Heimweg von einem Spaziergang. So ließ
sie mich bis zu 1 1/2 Stunden in der "Pampa" stehen, um dann mit
hängendem Kopf wieder aufzutauchen. Nun auch noch freuen und loben,
das kostete schon manche Überwindung.
Aber nun der Reihe nach, wie wir auch heute noch nach 16 Monaten des
Zusammenlebens mit Kira daran "tüfteln", sie zu einem "brauchbaren"
Hovawart zu erziehen.
In den ersten 3 Monaten behandelten wir Kira wie einen Welpen, nur,
dass uns ihre "Prägungsphase" nicht bekannt war. Sie entwickelte
zunächst keinerlei Bindung, sodass sie auf allen Spaziergängen an
der Leine geführt werden musste. "Spielen" war für sie ein Fremdwort,
sie lief keinem Ball hinterher und brachte keinen "Quaki", "Wurm"
o.ä. genanntes Spielzeug. Am liebsten lag sie stundenlang im Garten
und verbellte alles, was des Wegs kam. Ein Glück, dass es da den
"Collin" gab, einen fast gleichaltrigen Hovawart-Rüden, dem sie so
manches abschaute und der ihr Kumpel wurde. Das Problem war, dass wir
sie nicht mit dem Ball belohnen konnten. Wir merkten, dass sie alle
Kommandos kannte, jedoch nicht sauber ausführte. Bei der herkömmlichen Erziehungsmethode zeigte sie massives Meideverhalten. Also griffen wir
zum "Clicker" und "Leckerli" und vielen „Kontaktübungen“. Damit versuchten
wir, ihr eine gute Leinenführigkeit beizubringen.
Es waren harte Wochen, die wir mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen überstehen mussten. In der Ausbildung boten wir ihr die Fährte und
Obedience an. Dann machten wir die Beobachtung, dass Kira keine roten
Anoraks und Schlapphüte leiden konnte und darauf losging. Bei Gewitter
verfiel sie in lautes Bellen und unruhiges Umherlaufen.
Rückfragen beim Vorbesitzer ergaben:
Kira hatte eine private Hundeschule besucht. Zudem lebte sie in
ihrem "Erstwohnsitz" am Rhein und gleich hinter dem Garten verlief
eine kleine Straße, die wiederum zu einem Schloss führte, auf dem
alle paar Wochen ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Es war ein einziges
Herantasten an ihr "Vorleben".
Gleichzeitig aber wollte und musste sie beschäftigt werden, da sie
sehr lernfähig ist. Nach 3 Monaten kam sie von sich aus zum ersten
Mal zum "Schmusen", das sie seither ausgiebig genießt und das auch
viel zu ihrer Bindung beigetragen hat.
Sobald sie unterbeschäftigt ist, verfällt sie auch heute noch ins
"Mäusezählen" und verselbständigt sich sofort. Es gäbe noch viele kleine Einzelheiten zu erzählen, die wir zusammen zu überstehen hatten.
Heute ist Kira ein fröhlicher, selbstbewusster Hund mit einem guten Nervenkostüm.
Damit unsere Arbeit auch einen sichtbaren Erfolg hat, machte Kira am
03.10.2006 die Ausdauerprüfung und am 28.10.2006 die Begleithundeprüfung,
bei der ich als Führerin trotz jahrzehntelanger Hundeerfahrung, noch den
Sachkundenachweis erbringen musste, weil bisher alle Prüfungen von
meinem Mann gelaufen wurden, er aber wegen der stärkeren Bindung der
"Kleinen" an mich darauf verzichtete.
Wenn ich heute das Aufziehen eines Welpens mit der Übernahme der
erwachsenen Hündin vergleiche, so bleibt als Fazit: Die Übernahme
ist die größere Herausforderung, den Welpen kann ich von Anfang an in
den Familienverband einbinden.
Trotzdem wünsche ich jedem "Notfall" einen guten "Zweitwohnsitz".
Marlies Schäfer-Gollnow
P.S.: Zwischenzeitlich führt Frau Schäfer-Gollnow mit Kira erfolgreich Obedience-Prüfungen.




Kiras Geschichte - Ein Hund aus zweiter Hand